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WiWo, wir wissen's besser...

"Das Gerede von der Generation Praktikum ist ein Sturm im Wasserglas, der Absolventen grundlos verunsichert", sagt der Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System (HIS) gegenüber der Wirtschaftswoche ("WiWo"). Es handele sich dabei lediglich um bedauernswerte Einzelfälle in bestimmten Branchen - allen voran in der Medienbranche. Eine "Nabelschau" sei da quasi vorprogrammiert: "Da viele Journalisten andere Kreativarbeiter kennen, erklärt sich auch die inflationäre Berichterstattung über die Schicksale der Artverwandten", schreibt die Wirtschaftswoche weiter und wartet mit einigen Zahlen und Fakten auf, die super zu der genannten Behauptung passen, aber eben nur ein Teil der Wahrheit sind:

"Im vergangenen Jahr waren 3,8 Prozent aller Akademiker arbeitslos gemeldet. Quer durch alle Berufsgruppen hinweg betrug die Erwerbslosigkeit 11,2 Prozent. Und obschon mehr Absolventen auf den Markt drängten, ging die Quote arbeitsloser Akademiker binnen Jahresfrist um 0,2 Prozentpunkte zurück. (...) Die Ironie der Geschichte ist, dass die Prekariatstheorie gerade zu dem Zeitpunkt massenhafte Verbreitung findet, da sich die Lage zu bessern beginnt: Der Konjunkturaufschwung hat endlich auch den Arbeitsmarkt erreicht. Qualifizierte Bewerber werden gesucht. Nach ZAV-Berechnungen nahmen die Offerten für Akademiker im vergangenen Jahr um 17,7 Prozent zu. Und dieser Trend wird sich vermutlich fortsetzen. (...) Bleibt die Neigung vieler Unternehmen, Einsteigern zunächst mur befristete Jobs anzubieten. Aber selbst das hat eine positive Seite: Indem Zeitverträge das Risiko mindern, sich dauerhaft zu binden, "erhöhen sie die Bereitschaft, überhaupt einzustellen", sagt Hilmar Schneider vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Die Arbeit auf Zeit bietet gerade den Jungen die Chance, sich in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis hineinzubewähren."

Zunächst: Zeitverträge "mindern das Risiko, sich dauerhaft zu binden"? Aber genau das "dauerhafte Binden" vermissen doch viele Berufseinsteiger. Familienplanung kann schließlich nur mit einem gewissen Maß an (Planungs-)Sicherheit in "Angriff genommen" werden. Und dazu tragen Zeitverträge nicht gerade bei. Aber das nur am Rande, weil wir dieses, wenn auch zentrale, Thema schon öfter aufgegriffen haben (z.B. hier).

Was mich in Sachen "WiWo" viel mehr ärgert, ist, dass offensichtlich nur die Zahlen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) genannt werden, die in die Richtung gehen: "Die Generation Praktikum hat es nie gegeben und wird es auch nie geben". Liest man in der Pressemitteilung der ZAV mit dem Titel "Mehr Stellenangebote für Akademiker" die Unterzeile, wird man sich wundern, warum in der Wirtschaftswoche nichts davon zu lesen ist: "- besonders für berufserfahrene (Akademiker)".

Nein, es geht mir nicht um's Jammern auf einem hohen Niveau.
Aber die folgenden Zahlen aus besagter Pressemitteilung müssten einen nachdenklich stimmen - und in einem Artikel zum Thema "Arbeitslose Akademiker" einfach auftauchen:

"Die Berufserfahrung der Kandidaten spielt in den Stellenangeboten eine große Rolle: 64 Prozent aller Stellenangebote richteten sich ausschließlich an berufserfahrene Bewerber, etwa 35 Prozent an Berufserfahrene und an Berufsneulinge und nur etwa ein Prozent ausschließlich an Berufsneulinge. Damit sinkt die Zahl der Stellen für Berufsneulinge weiter, im Jahr 2000 betrug ihr Anteil noch mehr als drei Prozent." Update: Hier gibt es die ZAV-Daten von 2000-2005 in absoluten Zahlen.

Diese Entwicklung ist bedenklich - ergibt sich daraus doch, dass das Stellenangebot für akademische Berufsneulinge erheblich zurückgegangen ist.

Dass die Arbeitslosenstatistik nur die Akademiker erfasst, die sich arbeitssuchend melden und viele "Absolventen noch nicht in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt (haben), also auch kein Geld (bekommen)", liest man gegen Ende des ersten Teils des Artikels.

Diese "statistische Lücke" hat in den Augen der Wirtschaftswoche eine nicht repräsentative Untersuchung des Hochschulinformationssystems aufgetan. Ergebnis: „Praktika nach dem Examen (sind) immer noch die Ausnahme. (...) Von prekären Bedingungen (kann, wenn überhaupt nur) in den Geistes- und Sozialwissenschaften (gesprochen werden). Dort liegt die Praktikantenquote nach Studienabschluss je nach Fachrichtung zwischen 8 und 28 Prozent. Das ist allerdings nicht neu. Statt sich wie früher ausschließlich der Stellensuche zu widmen oder zu jobben, machen diese Absolventen jetzt eben noch ein Praktikum“.

Die taz, die vor einigen Monaten noch mit Zahlenspielen zur Generation Praktikum aufbot, stimmt übrigens fragend mit ein: "Ist die so viel diskutierte "Generation Praktikum" also Vergangenheit?".

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist offenbar nicht der Meinung, dass die Generation Praktikum der Vergangenheit angehört. Zwar hat man nach Münteferings Äußerungen wenig zu dem Thema gehört, auch was die vor einiger Zeit in Angriff genommene "Stiftung Praktikum" angeht, doch hat sich das Ministerium kürzlich die Domain "GenerationPraktikum.de" zu Eigen gemacht, die ursprünglich in Privatbesitz war... Man kann also gespannt sein? Update: Thomas Reiter von der Pressestelle des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) dazu: "Das BMAS hat die Domain vorsorglich erworben. Das weitere Vorgehen befindet sich noch in der Abstimmung." Über die Höhe des Kaufpreises schwieg er sich aus. Aber zurück zur WiWo:

Die im "WiWo"-Artikel angesprochene Kritik, dass man einigen Mitgliedern der Generation Praktikum "mal kräftig in ihr Prekariat treten sollte" (taz), ist zwar hart formuliert, aber gerechtfertigt. Dass sich junge, qualifizierte Akadamiker etwas zutrauen sollen, Selbstbewusstsein haben sollten - mindestens so viel, um ein unbezahltes Praktikum nach dem Hochschulabschluss abzulehnen/abzubrechen, haben wir schon sehr oft gesagt - offenbar noch nicht oft genug. Allerdings sollte man auch nicht leugnen, dass der Berufseinstieg für Akademiker offenbar schwerer geworden ist... und einigen Firmen vielleicht auch in ihren Allerwertesten treten, wenn sie ihre Praktikanten nur als Kostensenkungsfaktor sehen.


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Von seriösen und unseriösen Firmen, Bildungspolitik und Praktikanten

Im Interview mit dem "info-radio RBB" fordert Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion einen Mindestlohn und eine (gesetzliche) zeitliche Begrenzung von Praktika.

Aber das ist noch lange nicht alles. Das Problem der Generation Praktikum ist bei Tauss angekommen: "Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. (...) Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren (...). In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert (...), auch etwas bekommt", sagt er weiter im Interview.

Wir fassen zusammen: Gesetzlicher Mindestlohn und zeitliche Begrenzung der Praktika per Gesetz ist das eine. Dann muss noch die Wirtschaft mit ins Boot. Nicht, dass die zum Schluss noch sagt: "Dann sind mir Praktikanten aber zu teuer". Deswegen unterscheiden wir zwischen seriösen Firmen, die faire Praktika anbieten und unseriösen, die ihre Praktikanten ausnutzen - und sie dafür nicht entlohnen. Das Wenden wir auf die Praxis an: Dann ist die Deutsche Presseagentur (dpa) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) unseriös - oder Herr Tauss? Die zahlen ihren Praktikanten nämlich keinen Cent. Klar, die stellen auch nur solche Praktikanteninnen ein, wie Harald Schmidt sie gestern beim Privatsender RTL vermutete: Sie sind "Journalistikstudentinnen, d.h. sie tragen keine Unterwäsche mehr und machen ein Praktikum".

Ob Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden und dass im Mittelpunkt des Praktikums steht, ob ein Praktikumsbetreuer existiert oder nicht, ob der Praktikant oder die Praktikantin mehrere Stationen im Unternehmen kennen lernt oder nicht, ob (nicht scheinbare, sondern wirklich vorhandene und ernsthafte) Übernahmechancen bestehen oder nicht, oder, oder, oder: Das alles zählt nicht. Nur ob der Praktikant/die Praktikantin bezahlt wird oder nicht. Das zählt. Oder, Herr Tauss? Jawohl. Alles andere ist pure Ausbeutung.

Dass es die Problematik der Generation Praktikum gibt, dass sich die Chancen (nicht nur von Akademikern) auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben und es eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gibt und damit wiederum Probleme verbunden sind wie Unsicherheit, Planungsunfähigkeit, Sinkflug der Geburtenrate etc. pp. ist unbestritten. Dass dieses Problem der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden muss: Kein Zweifel.
Aber (selbst) ein (unbezahltes) Praktikum ist nicht in dieser generellen Form zu verurteilen, wie Sie das tun. Gut, es mag unfair -vielleicht sogar in manchen Fällen auch unseriös- sein, Praktikanten nicht (wenigstens leistungsgerecht) zu bezahlen. Ja. Es ist auch nicht in Ordnung, strikt immer das zu tun, was der Markt hergibt, weil Eigentum - nicht nur in Deutschland, aber besonders hier, weil grundgesetzlich verankert- verpflichtet.

Aber wenn kritisieren, dann bitte auch beide Seiten im Blick haben: Die Firmen, die Praktikanten ausbeuten und die Praktikanten, die sich ausbeuten lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen eine solche Ausbeutung zu wehren. Eine davon haben sie genannt: "Es gibt sogar klare Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, wo Praktikanten hinterher geklagt haben und tatsächlich dort[,] wo sie in einem festen Beschäftigungsverhältnis Tätigkeiten verrichtet haben - ohne Bezahlung - auch einen nachträglichen Anspruch erworben haben". Was in Frankreich ob derselben Problematik passiert ist, wissen wir alle: Stichpunkt "Generation Precaire" und Praktikantenproteste.

Davon könnten sollten wir lernen. Vielleicht im Rahmen eines Protestpraktikums? Dann kann man weiter überlegen: Was kann die Politik tun? Sie meinen, das Arbeitsrecht ist soweit in dieser Sache "gar nicht so schlecht". Einspruch: Durch eine klare arbeitsrechtliche Definition des Praktikantenstatus verbunden mit der Pflicht, einen Praktikumsvertrag zu schließen (wie es sie übrigens in Frankreich schon gibt), wäre viel geholfen. Einen Mindestlohn hingegen braucht es meines Erachtens gar nicht (Begründung siehe in den Kommentaren zu diesem Beitrag). Und generell über den Mindestlohn zu diskutieren ist eine andere Baustelle - das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen (Nachtrag (27.08.06): Oder vielleicht auch nicht... Diskussion dazu im Kommentarbereich dieses Beitrages)

Nachtrag (25.08.06): Jörg Tauss hat reagiert und ein Statement zu diesem Beitrag abgegeben (zu lesen im Kommentarbereich dieses Beitrages).


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Zahlen, erschreckende

Nach den inkonsequenten Zahlenspielen der taz in der Berichterstattung über die Generation Praktikum, bringt das Hamburger Abendblatt in der Wochenendausgabe vom 22.04.06 einen lesenswerten Artikel ("Deutschland, ein Praktikantenstadl"), der endlich sagt, wie es ist: Wie viel Betroffene es in Deutschland gibt ist unklar. Trotzdem liefert der Artikel einige interessante, teils sehr erschreckende Zahlen:

"Die Bundesagentur für Arbeit zählt nur (...) sozialversicherungspflichtigen Praktika; danach gab es (...) zwischen 8.000 und 11.000 Hochschulabsolventen pro Jahr, die zwischen 2000 und 2005 bei Praktika Löhne über Mini-Job-Niveau erhielten. Die Gesamtzahl beträgt ein Vielfaches. Im Jahr 2004 schlossen 230.900 Studenten ihr Studium erfolgreich ab - im Herbst 2004 waren bei der Bundesagentur für Arbeit fast 100.000 Akademiker ohne Berufserfahrung als Arbeitssuchende gemeldet."


Dazu kommt, dass in Deutschland weniger Stellenausschreibungen an Berufseinsteiger gerichtet werden als noch einige Jahre zuvor. Auch dazu hat das Hamburger Abendblatt Zahlen:

"2005 richteten sich nur 0,8 Prozent aller Stellenausschreibungen bundesweit an Berufseinsteiger (2000 waren es noch 3,7 Prozent)."

Das Fazit des Hamburger Abendblattes - und das ist leider in nicht sehr vielen Artikeln zur Generation Praktikum zu finden:

"Gerade die Generation, die zum ersten Mal lernen muß, ohne berufliche Sicherheit zurechtzukommen, soll die Geburtenrate nach oben korrigieren (...) [sowie] durch Steuern und höhere Beiträge das in die Krise geratene Solidarsystem retten."


Ein Paradoxon also. Dass diese Generation die gesetzliche Rente nicht retten kann, scheint dabei auf der Hand zu liegen: Hochschulabsolventen steigen später in das Berufsleben ein und zu früh aus. Berufliche Unsicherheit, Planungsunsicherheit bedeutet gleichzeitig: Selbst wenn der Wunsch da ist, eine Familie zu gründen, zögern viele. Die finanzielle Sicherheit für einen solchen Schritt fehlt. Darunter "leidet" auch die Geburtenrate.


Aber nicht nur das beunruhigt einen. Die WELT nennt weitere Zahlen, die in der Öffentlichkeit noch nicht so viel Beachtung finden, wie ihnen beigemessen werden sollte.

Update: Faz.net berichtet über die angesprochene Problematik der Ungewissheit: "Erziehung und Elterngeld: Die Krise der Wohlstandskinder".


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