![]() |
|
||||||||||||||||||||
|
|
Suche |
Generation Praktikum wissenschaftlich betrachtetZur Generation Praktikum hat es bereits einige Forschungen gegeben. Wir haben diese für euch zusammengefasst: Alle Blogbeiträge zu bereits durchgeführten Studien gibt es hier.Unter www.generationpraktikum.de startete das Bundesministerium für Arbeit und Soziales soeben ein Portal mit Praktikumstipps für Schüler, Auszubildende, Studierende, Absolventen, Berufsumsteiger und Arbeitgeber. Interessant: Hier gibt es eine Zusammenfassung des Forschungsstandes, die über den Tellerrand "Deutschland" blickt und über Forschungen aus anderen Ländern Auskunft gibt.
Generation Praktikum erreicht ChinaDass in China auch schon die Praktikumsmühle mahlt, liest man heute im Unispiegel. Dort heißt es, dass über ein Drittel der chinesischen Studenten ihr Studium nutzlos finden - die Zeit und das Geld sei die Ausbildung nicht wert. Mehr als die Hälfte der Studenten habe an der Uni "nichts Praktisches" gelernt.Und so schaut die Generation Praktikum in chinesischen Schriftzeichen aus: (zumindest, wenn man dict.cn glauben darf).Ergebnisse einer Studie, über die kürzlich die "Shanghai Daily" berichtete: "Trotz des Wirtschaftsbooms in China haben sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für Universitätsabsolventen in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. (...) Kritik, das Studium bereite Studenten nur unzureichend auf den Beruf vor, kommt auch von Professoren. (...) Viele Absolventen arbeiten laut "Shanghai Daily" für nur wenige hundert Yuan im Monat, umgerechnet weniger als hundert Euro - in der Hoffnung, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen." Gut, von Praktika ist in der Studie und im Artikel von Unispiegel nichts zu lesen, trotzdem ist die Situation vergleichbar: Der Berufseinstieg für Akademiker ist schwieriger geworden. In Deutschland und in China. Der Bildungsbericht 2006, herausgegeben vom Konsortium Bildungsberichterstattung im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, sieht die Lage in Deutschland allerdings wesentlich entspannter als sie in China ist: So sehen sich "im Durchschnitt 14% bzw. 15% [der Hochschulabsolventen in Deutschland, Anm. Stefan Rippler] als nicht adäquat beschäftigt; nur die Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler kommen auf deutlich höhere Werte. (...) Für den weitaus größten Teil der Hochschulabsolventinnen und -absolventen gestaltet sich der Übergang vom Studium in den Arbeitsmarkt weitgehend friktionslos. Die Frage der beruflichen und fachlichen Flexibilität wird jedoch in vielen Fachrichtungen wichtiger werden." (s. Bildungsbericht 2006: S. 117 ff.) Ich finde, da sind die Probleme der Generation Praktikum doch sehr nett umschrieben worden: die fachliche und berufliche Flexibilität werden wichtiger. Dass damit einige schwerwiegende Probleme einhergehen, wie Planungsunsicherheit oder gar -unfähigkeit, damit dann einhergehend weniger Familiengründungen und letztendlich eine sinkende Geburtenrate (verkürzt und zugespitzt formuliert), das wird nicht erwähnt. Was da ja noch hinzu kommt: Gleichzeitig sollen sie die Renten sichern, sich um Altersvorsorge kümmern, Studienkredite abtragen, konsumieren und eine Familie gründen - aber dabei natürlich, zur Erinnerung, flexibel bleiben: beruflich und fachlich, geografisch sowieso. Und dass die Arbeitslosenquote unter Akademikern in den letzten Jahren auf aktuell 4,8 Prozent gestiegen ist, oder eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt, dass sich im Juni 1999 etwa 3600 der dort betreuten Universitätsabsolventen für ein Praktikum entschieden haben und im September vor zwei Jahren bereits 8600, oder dass 2005 nur 0,8 Prozent aller Stellenausschreibungen bundesweit an Berufseinsteiger (2000 waren es noch 3,7 Prozent)" gerichtet waren, beunruhigt keinen der Herausgeber des Bildungsberichts. Da freut man sich einfach auf neues Frischfleisch von der Uni. Dank des "Schweinezyklusses" haben 2005 haben in Deutschland über 250.000 Studenten ihr Studium abgeschlossen - mehr Akademiker als je zuvor drängen jetzt auf den Arbeitsmarkt" kann man im Teaser eines weiteren Artikels im Unispiegel lesen. Hatte ich gesagt, dass die Generation Praktikum in Deutschland schon zum Kollektivproblem geworden ist? Da muss ich mich wohl geirrt haben und weiter kräftig beten. Zum Schutzheiligen San Precario.
Von seriösen und unseriösen Firmen, Bildungspolitik und PraktikantenIm Interview mit dem "info-radio RBB" fordert Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion einen Mindestlohn und eine (gesetzliche) zeitliche Begrenzung von Praktika.Aber das ist noch lange nicht alles. Das Problem der Generation Praktikum ist bei Tauss angekommen: "Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. (...) Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren (...). In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert (...), auch etwas bekommt", sagt er weiter im Interview. Wir fassen zusammen: Gesetzlicher Mindestlohn und zeitliche Begrenzung der Praktika per Gesetz ist das eine. Dann muss noch die Wirtschaft mit ins Boot. Nicht, dass die zum Schluss noch sagt: "Dann sind mir Praktikanten aber zu teuer". Deswegen unterscheiden wir zwischen seriösen Firmen, die faire Praktika anbieten und unseriösen, die ihre Praktikanten ausnutzen - und sie dafür nicht entlohnen. Das Wenden wir auf die Praxis an: Dann ist die Deutsche Presseagentur (dpa) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) unseriös - oder Herr Tauss? Die zahlen ihren Praktikanten nämlich keinen Cent. Klar, die stellen auch nur solche Praktikant Ob Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden und dass im Mittelpunkt des Praktikums steht, ob ein Praktikumsbetreuer existiert oder nicht, ob der Praktikant oder die Praktikantin mehrere Stationen im Unternehmen kennen lernt oder nicht, ob (nicht scheinbare, sondern wirklich vorhandene und ernsthafte) Übernahmechancen bestehen oder nicht, oder, oder, oder: Das alles zählt nicht. Nur ob der Praktikant/die Praktikantin bezahlt wird oder nicht. Das zählt. Oder, Herr Tauss? Jawohl. Alles andere ist pure Ausbeutung. Dass es die Problematik der Generation Praktikum gibt, dass sich die Chancen (nicht nur von Akademikern) auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben und es eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gibt und damit wiederum Probleme verbunden sind wie Unsicherheit, Planungsunfähigkeit, Sinkflug der Geburtenrate etc. pp. ist unbestritten. Dass dieses Problem der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden muss: Kein Zweifel. Aber (selbst) ein (unbezahltes) Praktikum ist nicht in dieser generellen Form zu verurteilen, wie Sie das tun. Gut, es mag unfair -vielleicht sogar in manchen Fällen auch unseriös- sein, Praktikanten nicht (wenigstens leistungsgerecht) zu bezahlen. Ja. Es ist auch nicht in Ordnung, strikt immer das zu tun, was der Markt hergibt, weil Eigentum - nicht nur in Deutschland, aber besonders hier, weil grundgesetzlich verankert- verpflichtet. Aber wenn kritisieren, dann bitte auch beide Seiten im Blick haben: Die Firmen, die Praktikanten ausbeuten und die Praktikanten, die sich ausbeuten lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen eine solche Ausbeutung zu wehren. Eine davon haben sie genannt: "Es gibt sogar klare Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, wo Praktikanten hinterher geklagt haben und tatsächlich dort[,] wo sie in einem festen Beschäftigungsverhältnis Tätigkeiten verrichtet haben - ohne Bezahlung - auch einen nachträglichen Anspruch erworben haben". Was in Frankreich ob derselben Problematik passiert ist, wissen wir alle: Stichpunkt "Generation Precaire" und Praktikantenproteste. Davon Nachtrag (25.08.06): Jörg Tauss hat reagiert und ein Statement zu diesem Beitrag abgegeben (zu lesen im Kommentarbereich dieses Beitrages).
Die Presse über paneuropäische PraktikantenprotesteAm ersten April fand der erste europäische Praktikanten-Aktionstag statt. Einige Blog-Einträge dazu gibt es hier ja bereits. Einen Überblick über die (europäische) Nachberichterstattung noch nicht. Deshalb folgen jetzt einige kommentierte Links zu Artikeln aus deutschen, österreichischen und französischen Medien:Deutschland Die Frankenpost kritisiert die Protestkultur der Generation Praktikum in Deutschland und schließt sich damit der taz, der WELT, der FAZ und der Süddeutschen Zeitung an. Österreich "Die Standard" (Österreich) berichtet über den Aktionstag am ersten April in Österreich und schildert die prekäre Lage der atypisch Beschäftigten, wie die Vertreter der Generation Praktikum dort genannt werden. Titel des Artikels: Generation Praktikum will Gesicht und Rechte Frankreich Ausführlich und umfassend stellt Tobias Baumann auf studis-online.de die Protestlage in Frankreich dar, erläutert die Probleme der Mitlgieder der "Generation Precaire". Titel des Artikels: Studierendenproteste in Frankreich - was war da los?. Einen Blick in den französischen Blätterwald zum Thema "Generation Precaire" wird auf der Webseite der Interessenvertretung gewährt.
Stiller ProtestAm ersten April wurde vom DGB, dem Verein Fairwork e.V. und der französischen „Géneration Précaire“ zum internationalen Praktikantenstreik ausgerufen.Trotz der vielen Betroffenen in Deutschland, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln (die Zahlen variieren von 400.000 bis 900.000 akademischen Praktikanten), war die „Performance“ am Pariser Platz in Berlin ein Parade-Beispiel für deutsche Protestkultur: 100 betroffene Praktikanten gingen zwischen den Touristen, Kamerateams und anderen Passanten fast unter. Ganz nach dem Motto: An einem Samstag bringst du Deutsche nur auf die Straße, wenn du einen Kratzer ins Auto machst. Die meisten protestierten im Geiste mit, daheim mit der Freundin auf der Couch. Andere, Engagiertere gehen das Problem lieber in Debattierclubs, Podiumsdiskussionen o.ä. an, aber nicht, indem sie auf die Straße gehen. Update (11.04.2006): Ganz andere wiederum gehen ganz andere Wege: Sie kündigen den Generationenvertrag und wollen auswandern. Schade, machen die französischen Vertreter der Generation Praktikum doch gerade andauernd vor, wie man öffentlichkeitswirksam auf seine Probleme aufmerksam macht. Vielleicht schadet da ein kleines Protestpraktikum in Frankreich nicht? Update: Die SZ (via jetzt.de) rätselt über die Demonstrationsunlust deutscher Praktikanten.
|
| Generation-Praktikum.de | blog.Generation-Praktikum.de |