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Generation Praktikum = "Die Anti-Angestellten"?

Spiegel-Online berichtete kürzlich über die Anti-Angestellten: Sie verzichten dankend auf einen Arbeitsvertrag und verwirklichen den alten Traum vom selbstbestimmten Leben. Mittels neuer Technologien kreieren sie ihre eigenen Projekte, Labels und Betätigungsfelder. Das Internet ist für sie nicht nur Werkzeug und Spielwiese, sondern Einkommens- und Lebensader. Genannt werden sie von ihren "Erfindern" Holm Friebe und Sascha Lobo: "die digitale Boheme"; bei Spiegel-Online heißen sie "die Anti-Angestellten" und stellen ein Synonym für (einen Teil der?) Generation Praktikum dar.

Auf Angestellten-Frust kann man mit der "Entdeckung der Faulheit" reagieren, wie es Corinne Maier in ihrem Bestseller fordert: Arbeitszeit absitzen, sicheres Gehalt einstreichen. Wenn man gar nicht in den Genuss des Angestellten-Seins kommt, soll man diese Chance nutzen - das finden zumindest Friebe und Lobo und schreiben in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit":

"Immer mehr junge Kreative entscheiden sich für das Leben in Freiheit. Ihr Hauptziel ist nicht das Geldverdienen, sondern ein selbstbestimmter Arbeitsstil, der den eigenen Motiven folgt – in unsicheren Zeiten vielleicht die überlegene Strategie. Denn ihre enge Einbindung in soziale, künstlerische und digitale Netzwerke bringt ständig neue, teilweise überraschende Erwerbsmöglichkeiten mit sich. Sie schalten Werbebanner auf ihren Websites, handeln mit virtuellen Immobilien, lassen sich Projekte sponsern oder verkaufen eine Idee an einen Konzern. Ihre Produkte und ihre Arbeitsweise verändern den Charakter der Medien und des Internets, bald auch den der Gesellschaft."

Holm Friebe und Sascha Lobo porträtieren "die digitale Boheme": Sie stellen erfolgreiche Konzepte und innovative Ansätze vor und erklären wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklungen und Hintergründe. Ihre spannende Analyse einer zukunftsgewandten Daseinsform inspiriert dazu, so zu arbeiten, wie man leben will.

Rezensionsfazit der FTD:
"Eine Idee wie ein Antidepressivum: Was wäre, wenn (...) aus prekären Praktikanten profitable Entrepreneure würden? Schön wäre das. Schon weil es nervt, das Heulen und Zähneklappern der "Generation Praktikum". (Aber:) Der Nachweis der überlebensfähigen Existenz einer neuen Boheme außerhalb der Berliner W-Lan-Cafés bleibt aus."


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TV-Tipp: "Endstation Praktikum" auf Arte

Heute (26.09.06) sendet Arte um 20.40 Uhr eine Dokumentation mit dem Thema "Endstation Praktikum". Ein Vorab-Urteil der taz: "(...) Sehenswert. Allerdings werden Fragen nach den Ursachen nur aufgeworfen (...) und unzureichend beantwortet. Auch die gesellschaftlichen Folgen werden nur angeschnitten".

Ein Auszug aus der Programmankündigung: "Die Dokumentation begleitet eine Betriebswirtin, eine Kulturwissenschaftlerin und einen Germanisten bei ihrem Kampf um einen Arbeitsplatz, der auch eine Suche nach einem Platz in der Gesellschaft ist. Sie versuchen, die immer maßloseren Anforderungen einer flexibilisierten Ökonomie zu erfüllen, ohne ihre Träume von stabilen Beziehungen, Familienleben und einem Mindestmaß an materieller Sicherheit völlig aufzugeben. Wie schaffen sie diesen Spagat? Wie meistern sie ihr prekäres Leben? Worum kämpfen sie und was wird passieren, wenn die Geduld der Generation Praktikum eines Tages am Ende ist?".

Im Anschluss an die Dokumentation wird ein Beitrag mit dem Titel "Frankreichs Jugend erwacht" gezeigt. Und zum Abschluss gibt es schließlich, um 22.15 Uhr, eine Gesprächsrunde, u.a. mit der Berufsberaterin Uta Glaubitz.


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Von seriösen und unseriösen Firmen, Bildungspolitik und Praktikanten

Im Interview mit dem "info-radio RBB" fordert Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion einen Mindestlohn und eine (gesetzliche) zeitliche Begrenzung von Praktika.

Aber das ist noch lange nicht alles. Das Problem der Generation Praktikum ist bei Tauss angekommen: "Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. (...) Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren (...). In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert (...), auch etwas bekommt", sagt er weiter im Interview.

Wir fassen zusammen: Gesetzlicher Mindestlohn und zeitliche Begrenzung der Praktika per Gesetz ist das eine. Dann muss noch die Wirtschaft mit ins Boot. Nicht, dass die zum Schluss noch sagt: "Dann sind mir Praktikanten aber zu teuer". Deswegen unterscheiden wir zwischen seriösen Firmen, die faire Praktika anbieten und unseriösen, die ihre Praktikanten ausnutzen - und sie dafür nicht entlohnen. Das Wenden wir auf die Praxis an: Dann ist die Deutsche Presseagentur (dpa) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) unseriös - oder Herr Tauss? Die zahlen ihren Praktikanten nämlich keinen Cent. Klar, die stellen auch nur solche Praktikanteninnen ein, wie Harald Schmidt sie gestern beim Privatsender RTL vermutete: Sie sind "Journalistikstudentinnen, d.h. sie tragen keine Unterwäsche mehr und machen ein Praktikum".

Ob Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden und dass im Mittelpunkt des Praktikums steht, ob ein Praktikumsbetreuer existiert oder nicht, ob der Praktikant oder die Praktikantin mehrere Stationen im Unternehmen kennen lernt oder nicht, ob (nicht scheinbare, sondern wirklich vorhandene und ernsthafte) Übernahmechancen bestehen oder nicht, oder, oder, oder: Das alles zählt nicht. Nur ob der Praktikant/die Praktikantin bezahlt wird oder nicht. Das zählt. Oder, Herr Tauss? Jawohl. Alles andere ist pure Ausbeutung.

Dass es die Problematik der Generation Praktikum gibt, dass sich die Chancen (nicht nur von Akademikern) auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben und es eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gibt und damit wiederum Probleme verbunden sind wie Unsicherheit, Planungsunfähigkeit, Sinkflug der Geburtenrate etc. pp. ist unbestritten. Dass dieses Problem der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden muss: Kein Zweifel.
Aber (selbst) ein (unbezahltes) Praktikum ist nicht in dieser generellen Form zu verurteilen, wie Sie das tun. Gut, es mag unfair -vielleicht sogar in manchen Fällen auch unseriös- sein, Praktikanten nicht (wenigstens leistungsgerecht) zu bezahlen. Ja. Es ist auch nicht in Ordnung, strikt immer das zu tun, was der Markt hergibt, weil Eigentum - nicht nur in Deutschland, aber besonders hier, weil grundgesetzlich verankert- verpflichtet.

Aber wenn kritisieren, dann bitte auch beide Seiten im Blick haben: Die Firmen, die Praktikanten ausbeuten und die Praktikanten, die sich ausbeuten lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen eine solche Ausbeutung zu wehren. Eine davon haben sie genannt: "Es gibt sogar klare Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, wo Praktikanten hinterher geklagt haben und tatsächlich dort[,] wo sie in einem festen Beschäftigungsverhältnis Tätigkeiten verrichtet haben - ohne Bezahlung - auch einen nachträglichen Anspruch erworben haben". Was in Frankreich ob derselben Problematik passiert ist, wissen wir alle: Stichpunkt "Generation Precaire" und Praktikantenproteste.

Davon könnten sollten wir lernen. Vielleicht im Rahmen eines Protestpraktikums? Dann kann man weiter überlegen: Was kann die Politik tun? Sie meinen, das Arbeitsrecht ist soweit in dieser Sache "gar nicht so schlecht". Einspruch: Durch eine klare arbeitsrechtliche Definition des Praktikantenstatus verbunden mit der Pflicht, einen Praktikumsvertrag zu schließen (wie es sie übrigens in Frankreich schon gibt), wäre viel geholfen. Einen Mindestlohn hingegen braucht es meines Erachtens gar nicht (Begründung siehe in den Kommentaren zu diesem Beitrag). Und generell über den Mindestlohn zu diskutieren ist eine andere Baustelle - das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen (Nachtrag (27.08.06): Oder vielleicht auch nicht... Diskussion dazu im Kommentarbereich dieses Beitrages)

Nachtrag (25.08.06): Jörg Tauss hat reagiert und ein Statement zu diesem Beitrag abgegeben (zu lesen im Kommentarbereich dieses Beitrages).


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