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San Precario im Spiegel des Sommerlochs"San Precario" sei der Schutzheilige der Generation Praktikum, ein Märtyrer der Gegenwart, "der unterbezahlte Arbeiten verrichtet, oft schwarz beschäftigt ist und einer unsicheren Zukunft entgegen sieht". Made in Italy. So liest man das im Magazin "Der Spiegel" Nr.31 vom 31.07.2006. Die Generation Praktikum steht im Mittelpunkt dieser Ausgabe. Inhalt der etwas einseitigen Titelgeschichte: Die üblichen Fallbeispiele: Hochschulabsolventen, Einser-Diplom, 25 Jahre alt, unbezahlte Dauerpraktikanten. Die üblichen Zahlen:
Tenor des Artikels: "Die Armen, keiner will ihnen einen festen Job geben. Die Welt ist böse und wir können nichts dagegen tun". Da müsse man sich ja nicht wundern, dass die Geburtenrate sinkt. Die Flexibilität als positiven Wert hätte die heutige Jugend bereits verinnerlicht: "Jeder zehnte der 25- bis 35-jährigen Deutschen" habe heute bereits eine kinderlose "long-distance-relationship" (S.49). Gleichzeitig sollen sie die Renten sichern, sich um Altersvorsorge kümmern, Studienkredite abtragen, konsumieren und eine Familie gründen. Klar ein Paradoxon. Aber neben dem, was durchaus kritisiert werden darf (die Ausbeutermentalität einiger Unternehmen, negative Folgen der Globalisierung) wird zu viel auf die Tränendrüse gedrückt und einseitig berichtet: ![]() Dass den Deutschen eine gesunde Protestkultur fehlt, wird zum Beispiel in dem Artikel nur -wenn überhaupt- angeschnitten. So sieht "Der Spiegel" in der Titelgeschichte am ersten Mai 2006 europaweit in 20 Städten Hunderttausende auf die Straße ziehen. Dass es in Deutschland (eine Woche zuvor) nur etwa 60 Menschen waren, die am Brandenburger Tor in Berlin protestiert haben, weiß nur der Uni-Spiegel, neben "Der Spiegel" ein weiteres Medium der Spiegel-Verlagsgruppe... In Frankreich ging es da heißer her: Vertreter der Generation Precaire verschanzten sich z.B. in der traditionsreichen Eltie-Uni Sorbonne und streikten. Aber gut, man kann Deutschland nicht mit Frankreich vergleichen: "In Frankreich sind Proteste Bestandteil des nationalen Selbstbewusstseins. Aber auch hierzulande kann ein Protestfunke zünden. Wenn die schwierige Integration in die Arbeitswelt für eine Generation als Kollektivproblem sichtbar wird, kann das sofort zum politischen Thema werden" sagt der Münchener Soziologe Ulrich Beck im Interview auf Seite 51 des "Spiegel". Dass die Generation Praktikum in Deutschland noch nicht zum Kollektivproblem geworden wäre, ist mir neu. Hört die breite Öffentlichkeit doch sehr viel zu dem Thema in den Medien - nicht zuletzt auch wegen der intensiven Öffentlichkeitsarbeit vom Verein Fairwork. Auch die Politik sollte von der Prekarität Wind bekommen haben: Gab es doch schon eine Bundestagspetition, aktuelle Stunden im Bundestag, Fraktionsgespräche und ähnliches. Trotzdem ist die Politik ruhig und die Betroffenen auch - ganz nach dem Titel des Buches, das die französische Generation Precaire kürzlich herausgegeben hat: "Sois Stage Et Tais-Tois". Was so viel heißt wie: "Praktikant sein und Klappe halten". Dass das nicht die Lösung sein kann, sollte klar sein. So schreibt beispielsweise Rechtsanwalt Andreas Möhring in einem Leserbrief an den Spiegel: "Um (...) der Ausbeutung Herr zu werden, sollten die Betroffenen en masse (...) nach Beendigung des Praktikums unter Bezugnahme auf die Sittenwidrigkeit des Vertrags den Lohn [einklagen], der ihnen nach §612 BGB zugestanden hat und von Arbeitsgerichten zuzusprechen ist". ("Der Spiegel", Nr. 32 vom 07.08.06, S. 12). Recht hat der Mann - einige haben sich das auch schon getraut...beiweitem aber noch nicht viele. Spiegel-Leserin Sonja Grunwald aus Lübeck schreibt: "(...) Vergleiche mit Frankreich sind (...) müßig. Es geht aber nicht anders, wir kommen besser mal aus dem Quark! Obwohl Neinsager natürlich schrecklich unpopulär sind" ("Der Spiegel", Nr. 32 vom 07.08.06, S.12). In diesem Sinne: San Precario, stehe uns bei - nicht nur im Spiegel des Sommerlochs. Denn wenn wir nicht langsam mal "aus dem Quark" kommen, brauchen wir, oder vielmehr die Mitglieder der Generation Praktikum, wirklich einen Heiligen... Nachtrag (17.08.06): Die Deutsche Welle appelliert an die Generation Praktikum: Traut euch! Und ruft den Arbeitgebern zu: Investiert in die Ausbildung junger Leute, ihr seid später darauf angewiesen! http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2137785,00.html
FAZ: "Die Mär von der Generation Praktikum" & ZahlenspieleDass sich die Chancen von Akademikern auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben, ist unbestreitbar. Wirklich? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung scheint das anders zu sehen. Dort"Die spezifische Arbeitslosenquote (unter Akademikern, Anm. d. Verf.) hat während der vergangenen 30 Jahre die Marke von fünf Prozent nie überschritten. Zuletzt waren es gerade einmal 3,8 Prozent - das ist weniger als Ende der achtziger Jahre. Zum Vergleich: Der Anteil der Arbeitslosen in der Gruppe der Personen ohne Berufsabschluß hat sich im selben Zeitraum auf mehr als 20 Prozent vervierfacht. An diesem Ende der Bildungsskala liegt das tatsächliche Problem am deutschen Arbeitsmarkt." Die Tageszeitung "Die Welt" spricht von anderen Zahlen: "Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist zwar auf 4,8 Prozent gestiegen, liegt damit aber nicht einmal halb so hoch wie die Quote insgesamt." Weiter in der FAZ: "Zwar ist weniger bekannt, was Akademiker machen, wenn sie nicht arbeitslos sind, weil dies nirgendwo gemeldet werden muß. Die immer mal wieder vorgebrachte Vermutung, daß sich in der Republik ein Heer von hochgebildeten Taxifahrern und Pizzabäckern gebildet hat, läßt sich jedoch ebenfalls nicht durch Zahlen stützen. Laut einer Umfrage unter Absolventen von Hochschulen und Fachhochschulen gaben mehr als 80 Prozent der Befragten an, ihre erste Beschäftigung sei "volladäquat" zur vorangegangenen Fachrichtung oder Ausbildungsart." Naja, ein paar Zahlen gibt es ja dann schon zu dem Thema "Was machen Akademiker, wenn sie nicht arbeitslos sind?". Diese stammen aus einem Artikel im Hamburger Abendblatt: "Die Bundesagentur für Arbeit zählt nur (...) sozialversicherungspflichtigen Praktika; danach gab es (...) zwischen 8.000 und 11.000 Hochschulabsolventen pro Jahr, die zwischen 2000 und 2005 bei Praktika Löhne über Mini-Job-Niveau erhielten. Die Gesamtzahl beträgt ein Vielfaches. Im Jahr 2004 schlossen 230.900 Studenten ihr Studium erfolgreich ab - im Herbst 2004 waren bei der Bundesagentur für Arbeit fast 100.000 Akademiker ohne Berufserfahrung als Arbeitssuchende gemeldet." und da kommen noch mehr Zahlen zu der Frage: Was machen Akademiker, wenn sie nicht arbeitslos sind? Praktika zum Beispiel. Der Witz an folgendem Zitat ist, dass er -wie der gerade kommentierte Artikel auch- in der FAZ erschienen ist: "Daß die Diskussion um Akademiker-Praktika trotzdem angebracht ist, zeigt eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeit (BA). Danach entschieden sich im Juni 1999 etwa 3600 der dort betreuten Universitätsabsolventen für ein Praktikum. Im September 2004 waren es 8600..." Hmmm, aber weiter im Artikel "Die Mär von der Generation Praktikum" aus der FAZ: "Noch weniger begründet scheinen Sorgen um die künftigen Beschäftigungschancen von Akademikern. Fachleute wie die Soziologin Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, erwarten, daß diese weiter steigen. Denn die kontinuierliche Veränderung im Beschäftigungssystem einer Dienstleistungsgesellschaft geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach Höherqualifizierung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Erwerbspersonen bis zur Mitte des Jahrhunderts stark ab. Dieser demographische Wandel wird für einen Mangel an Hochqualifizierten sorgen." Also ist die Diskussion um Akademiker-Praktika nun doch nicht mehr angebracht? Die demografische Entwicklung spielt ja schließlich den hochqualifizierten Berufseinsteigern in die Hände... Auch wenn "2005 nur 0,8 Prozent aller Stellenausschreibungen bundesweit an Berufseinsteiger (2000 waren es noch 3,7 Prozent)" gerichtet waren...?
SZ: Generation Praktikum, mehr Mut und Wut!Steffen Kraft, der gerade mit dem Axel Springer Preis für junge Journalisten ausgezeichnet wurde, schreibt in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel mit dem Titel "Generation Praktikum: Mehr Mut, mehr Wut" und vermisst darin ein Selbstbewusstsein des Prekariats (wie er die
Radionovela: Praktikantin aus LeidenschaftDas Szenemagazin "Zündfunk" (Bayerischer Rundfunk) startet eine Radionovela mit dem Titel "Marie - Praktikantin aus Leidenschaft"*.Sendetermin: Ab dem zweiten Mai immer dienstags zwischen 19.03 und 20.30 Uhr auf Bayern2Radio. Der bayerische Landesdienst der dpa weiß, um was es in der Novela geht, die von Henriette Kuhrt ("Milchmädchenrechnung"), Ron Schickler und Hans Strecker vom Zündfunk konzipiert wurde: Marie sei eine typische Vertreterin der "Generation Praktikum", die nach einem abgeschlossenen Studium keinen Arbeitsplatz findet, aber durch eine Agentur an ein Praktikum in einem Szeneclub kommt. Da kann man nur gespannt sein... Nebenbei: Das Szenemagazin Zündfunk soll Ende diesen Jahres einer (digitalen) Jugendwelle weichen (nachzulesen z.B. hier oder hier). update: Wir haben gestern die erste Folge von "Marie - Praktikantin aus Leidenschaft" (die Folgen können übrigens heruntergeladen werden) angehört. Unser vorläufiges Fazit: Eine gute Mischung aus Persiflage, Gefühle, Großstadt- und Praktikantenalltag. Lustig. In den Medien liest man nicht viel von der Radionovela. Bisher haben wir nur einen Artikel bei jetzt.de gefunden. * Oder soll die Praktikantin doch Veronika heißen? Das würde mich an diese Geschichte erinnern...
WELT: Generation Praktikum nur "gefühlt"?In der Tageszeitung "Die Welt" ist dieser Tage der Artikel "Die Angst der Generation Praktikum" erschienen, in dem die beiden Autoren Stefan von Borstel und Joachim Peter davon reden, dass die "Probleme" der Generation Praktikum überwiegend "gefühlte Probleme" seien und die Stimmung der Jungakademiker viel schlechter sei, als ihre tatsächliche Lage. Kurz: Jammern die Jungakademiker zu viel?Franziska Schreyer, Arbeitsmarktforscherin beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sagt gegenüber der Zeitung "Die Welt": Von einer ganzen "Generation Praktikum" zu sprechen, sei "übertrieben". Dies bestätigt auch Karl-Heinz Minks, Projektleiter des Hochschul-Informationssystems (HIS) gegenüber der Tageszeitung "Die Welt": "Es gibt zwar einen Trend zum Praktikum, aber von einem Billiglohnsektor bei Akademikern kann noch nicht die Rede sein." Einzelne Berufsgruppen (...) sind stark betroffen, (...) andere jedoch (...) nicht. Bis hierher ist das nichts Neues, auch wenn es die Medienberichterstattung vielleicht vermuten lässt, weil man derartige Stimmen in deutschen Medien nicht sehr oft hört. Zum ersten, und bisher einzigen Mal berichtete die FAZ in diese Richtung (bei uns im Blog hier zu finden) "Die Welt" bringt allerdings ein paar mehr Zahlen: Laut einer HIS-Studie landen 86 Prozent der Universitäts- und rund 90 Prozent der Fachhochschul-Absolventen unmittelbar nach dem Studienabschluß in einem regulären Arbeitsverhältnis. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist zwar auf 4,8 Prozent gestiegen, liegt damit aber nicht einmal halb so hoch wie die Quote insgesamt. Die Lage der deutschen Akademiker ist also deutlich besser als ihre Stimmung. Die Chance, daß sie als "ewige Praktikanten" enden, sei laut dem Welt-Artikeläußerst gering. Vor einiger Zeit war die Chance wahrscheinlich noch viel, viel geringer. Denn dass die Zahl von "akademischen Praktikanten" in den letzten Jahren vehement zugenommen hat, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Im Juni 1999 entschieden sich etwa 3600 der dort betreuten Universitätsabsolventen für ein Praktikum. Im September 2004 waren es 8600..." Ergo: Die Diskussion um die Generation Praktikum ist durchaus angebracht. Vielleicht sollte das Thema aber nicht ganz so überzeichnet werden. Viel beängstigender ist für die Autoren des Welt-Textesübrigens u.a. folgendes Szenario: Jeder vierte hat nicht einmal einen Schulabschluß, viele von ihnen sind Ausländerkinder. Die Chancen dieser jungen Menschen auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind gleich Null.
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