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Das Wandern ist des Praktis Lust

"Das Dopen ist des Ullis Lust" passe auch auf die Melodie von "Das Wandern ist des Müllers Lust" meint Tobias Peter von jetzt.de.
Er findet "Wandern ist scheiße": "Heute hier, morgen dort: nicht verwurzelt, immer weniger Freunde, keine feste Beziehung. Einsamkeit. Dennoch müssen heute sehr viele wandern, vor allem in der jungen Generation: immer dorthin, wo das nächste Arbeitsangebot und zumindest eine kleine Hoffnung auf eine dauerhafte Perspektive besteht. Vorfahrt für Arbeit, nennt das unser Bundespräsident Horst Köhler."

Tobias Peter hat mich überzeugt: Wandern ist scheiße. Nur: So lange das bei den Politikern noch nicht angekommen ist die Generation Praktikum noch nicht zu einem Kollektivproblem in Deutschland geworden ist, werden das Liedchen "Wandern ist des Praktis Lust" einige noch ganz gut finden. Klingt doch auch schön. Haben wir so ähnlich schließlich alle schon mal gesungen.




Noch ein "P.S." in eigener Sache:
Liebe Leserinnen und Leser, habt ihr Praktikumserfahrungen gemacht (postiv/negativ/neutral) und wollt diese mitteilen oder habt ihr eigene Gedanken zum Thema "Generation Praktikum"? Dann könnt ihr mir diese gerne schicken, das Blog freut sich über Gastautoren!


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Von seriösen und unseriösen Firmen, Bildungspolitik und Praktikanten

Im Interview mit dem "info-radio RBB" fordert Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion einen Mindestlohn und eine (gesetzliche) zeitliche Begrenzung von Praktika.

Aber das ist noch lange nicht alles. Das Problem der Generation Praktikum ist bei Tauss angekommen: "Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. (...) Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren (...). In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert (...), auch etwas bekommt", sagt er weiter im Interview.

Wir fassen zusammen: Gesetzlicher Mindestlohn und zeitliche Begrenzung der Praktika per Gesetz ist das eine. Dann muss noch die Wirtschaft mit ins Boot. Nicht, dass die zum Schluss noch sagt: "Dann sind mir Praktikanten aber zu teuer". Deswegen unterscheiden wir zwischen seriösen Firmen, die faire Praktika anbieten und unseriösen, die ihre Praktikanten ausnutzen - und sie dafür nicht entlohnen. Das Wenden wir auf die Praxis an: Dann ist die Deutsche Presseagentur (dpa) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) unseriös - oder Herr Tauss? Die zahlen ihren Praktikanten nämlich keinen Cent. Klar, die stellen auch nur solche Praktikanteninnen ein, wie Harald Schmidt sie gestern beim Privatsender RTL vermutete: Sie sind "Journalistikstudentinnen, d.h. sie tragen keine Unterwäsche mehr und machen ein Praktikum".

Ob Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden und dass im Mittelpunkt des Praktikums steht, ob ein Praktikumsbetreuer existiert oder nicht, ob der Praktikant oder die Praktikantin mehrere Stationen im Unternehmen kennen lernt oder nicht, ob (nicht scheinbare, sondern wirklich vorhandene und ernsthafte) Übernahmechancen bestehen oder nicht, oder, oder, oder: Das alles zählt nicht. Nur ob der Praktikant/die Praktikantin bezahlt wird oder nicht. Das zählt. Oder, Herr Tauss? Jawohl. Alles andere ist pure Ausbeutung.

Dass es die Problematik der Generation Praktikum gibt, dass sich die Chancen (nicht nur von Akademikern) auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben und es eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gibt und damit wiederum Probleme verbunden sind wie Unsicherheit, Planungsunfähigkeit, Sinkflug der Geburtenrate etc. pp. ist unbestritten. Dass dieses Problem der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden muss: Kein Zweifel.
Aber (selbst) ein (unbezahltes) Praktikum ist nicht in dieser generellen Form zu verurteilen, wie Sie das tun. Gut, es mag unfair -vielleicht sogar in manchen Fällen auch unseriös- sein, Praktikanten nicht (wenigstens leistungsgerecht) zu bezahlen. Ja. Es ist auch nicht in Ordnung, strikt immer das zu tun, was der Markt hergibt, weil Eigentum - nicht nur in Deutschland, aber besonders hier, weil grundgesetzlich verankert- verpflichtet.

Aber wenn kritisieren, dann bitte auch beide Seiten im Blick haben: Die Firmen, die Praktikanten ausbeuten und die Praktikanten, die sich ausbeuten lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen eine solche Ausbeutung zu wehren. Eine davon haben sie genannt: "Es gibt sogar klare Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, wo Praktikanten hinterher geklagt haben und tatsächlich dort[,] wo sie in einem festen Beschäftigungsverhältnis Tätigkeiten verrichtet haben - ohne Bezahlung - auch einen nachträglichen Anspruch erworben haben". Was in Frankreich ob derselben Problematik passiert ist, wissen wir alle: Stichpunkt "Generation Precaire" und Praktikantenproteste.

Davon könnten sollten wir lernen. Vielleicht im Rahmen eines Protestpraktikums? Dann kann man weiter überlegen: Was kann die Politik tun? Sie meinen, das Arbeitsrecht ist soweit in dieser Sache "gar nicht so schlecht". Einspruch: Durch eine klare arbeitsrechtliche Definition des Praktikantenstatus verbunden mit der Pflicht, einen Praktikumsvertrag zu schließen (wie es sie übrigens in Frankreich schon gibt), wäre viel geholfen. Einen Mindestlohn hingegen braucht es meines Erachtens gar nicht (Begründung siehe in den Kommentaren zu diesem Beitrag). Und generell über den Mindestlohn zu diskutieren ist eine andere Baustelle - das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen (Nachtrag (27.08.06): Oder vielleicht auch nicht... Diskussion dazu im Kommentarbereich dieses Beitrages)

Nachtrag (25.08.06): Jörg Tauss hat reagiert und ein Statement zu diesem Beitrag abgegeben (zu lesen im Kommentarbereich dieses Beitrages).


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Die Presse über paneuropäische Praktikantenproteste

Am ersten April fand der erste europäische Praktikanten-Aktionstag statt. Einige Blog-Einträge dazu gibt es hier ja bereits. Einen Überblick über die (europäische) Nachberichterstattung noch nicht. Deshalb folgen jetzt einige kommentierte Links zu Artikeln aus deutschen, österreichischen und französischen Medien:

Deutschland

Die Frankenpost kritisiert die Protestkultur der Generation Praktikum in Deutschland und schließt sich damit der taz, der WELT, der FAZ und der Süddeutschen Zeitung an.

Österreich
"Die Standard" (Österreich) berichtet über den Aktionstag am ersten April in Österreich und schildert die prekäre Lage der atypisch Beschäftigten, wie die Vertreter der Generation Praktikum dort genannt werden.

Titel des Artikels: Generation Praktikum will Gesicht und Rechte

Frankreich

Ausführlich und umfassend stellt Tobias Baumann auf studis-online.de die Protestlage in Frankreich dar, erläutert die Probleme der Mitlgieder der "Generation Precaire".

Titel des Artikels: Studierendenproteste in Frankreich - was war da los?.

Einen Blick in den französischen Blätterwald zum Thema "Generation Precaire" wird auf der Webseite der Interessenvertretung gewährt.


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Stiller Protest

Am ersten April wurde vom DGB, dem Verein Fairwork e.V. und der französischen „Géneration Précaire“ zum internationalen Praktikantenstreik ausgerufen.

Trotz der vielen Betroffenen in Deutschland, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln (die Zahlen variieren von 400.000 bis 900.000 akademischen Praktikanten), war die „Performance“ am Pariser Platz in Berlin ein Parade-Beispiel für deutsche Protestkultur: 100 betroffene Praktikanten gingen zwischen den Touristen, Kamerateams und anderen Passanten fast unter. Ganz nach dem Motto: An einem Samstag bringst du Deutsche nur auf die Straße, wenn du einen Kratzer ins Auto machst. Die meisten protestierten im Geiste mit, daheim mit der Freundin auf der Couch. Andere, Engagiertere gehen das Problem lieber in Debattierclubs, Podiumsdiskussionen o.ä. an, aber nicht, indem sie auf die Straße gehen. Update (11.04.2006): Ganz andere wiederum gehen ganz andere Wege: Sie kündigen den Generationenvertrag und wollen auswandern. Schade, machen die französischen Vertreter der Generation Praktikum doch gerade andauernd vor, wie man öffentlichkeitswirksam auf seine Probleme aufmerksam macht. Vielleicht schadet da ein kleines Protestpraktikum in Frankreich nicht?


Update: Die SZ (via jetzt.de) rätselt über die Demonstrationsunlust deutscher Praktikanten.


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Revolution! Oder?

Nachdem sich in letzter Zeit immer mehr Medien fragen, ob das Phänomen "Generation Praktikum" vielleicht von ihnen selbst etwas überzeichnet wurde, demonstrierenstreikenperformen in Berlin, Paris, Brüssel und Wien die vermeintlichen Mitglieder Mitleider der Generation P - mit weißen Masken, um die Gesichtslosigkeit von ständig wechselnden Praktikanten zu versinnbildlichen, vor allem aber um "anonym zu bleiben, was den Betroffenen wichtig ist", wie es im Aktionsaufruf des DGB und Fairwork e.V. heißt.


Gerade an einem solch bedeutenden Tag, der eigentlich die Probleme der Generation P in den Blickpunkt der Menschen rücken soll, titelt nun nach der FAZ und der Tageszeitung "Die Welt" auch die taz: "Dauerpraktika selten". Die Tageszeitung stimmt also in den Chor ein, der da singt: "Die Probleme sind überzeichnet, so schlimm ist es ja gar nicht".


Irgendwie ist das schon etwas schade. Mag ja sein, dass es nicht ganz so schlimm aussieht, wie einige Medien berichten. Aber das verstärkte Medieninteresse an der Generation Praktikum damit zu begründen, dass in der Medienbranche besonders viele Dauerpraktikanten zu verzeichnen sind, ist problematisch.


Selbst, wenn die Probleme überzeichnet wurden und in dieser Art vielleicht nur in einigen Branchen zu beobachten sind, ist klar: Der Berufseinstieg für (Jung-)Akademiker ist schwerer geworden in den letzten Jahren. Und das ist ein Problem, das weitreichende Folgen hat, diskutiert, aber vor allem gelöst werden muss.


Außerdem ist es inkonsequent, liebe taz, zunächst mit horrenden Zahlen um sich zu werfen:
"900.000 gehören der verlorenen Generation P in Deutschland an, 800.000 in Frankreich"


... diese dann wieder (in einem anderen Artikel) herunterzuschrauben:
"400.000 Praktikanten"


und dann ein paar Tage später die Generation Praktikum als gemachtes Phänomen hinzustellen:
"Dauerpraktika selten".


Nochmal: Die Zahl der absolvierten Praktika nach Studienabschluss hat zugenommen (nachzulesen z.B. hier oder hier). Der Berufseinstieg für Jung-Akademiker ist schwieriger geworden: immer schwieriger wird es, mit den Aussichten auf einen festen Arbeitsplatz. Damit sinkt die Sicherheit, die Planbarkeit der Zukunft, die Chance auf Familiengründung und Nachwuchs (nachzulesen z.B. hier).


In einer solchen Situation ist es nur richtig, aufzustehen und zu protestieren.


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