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SPD: 9-Punkte-Praktikumspapier, 5-Satire-Thesen der taz, Checkliste für MedienpraktikaDie SPD-Bundestagsfraktion hat nach einem guten halben Jahr die Ergebnisse der Konferenz derArbeitsgruppe Bildung und Forschung zum Thema "Generation Praktikum" vom 27. März diesen Jahres in Broschürenform veröffentlicht. Das 9-Punkte Diskussionspapier sei hier in Ausschnitten zitiert: "1. Wir brauchen eine effektive Aufklärungskampagne „Nein zur Ausbeutung von Praktikanten“, die das Anliegen und die Rechte der jungen Menschen thematisiert (...) ohne Verschleierung oder Marginalisierung des Problems. 2. Öffentliche Arbeitgeber müssen eine Vorbildfunktion einnehmen und sich zu Mindeststandards für Praktikanten mit einer abgeschlossenen Ausbildung oder Hochschulabschluss verpflichten. (...) 3. Unternehmen, die mit Praktikantenstellen reguläre Arbeitsverhältnisse ersetzen, dürfen von der öffentlichen Hand nicht beauftragt oder gefördert werden. 4. Die Betriebs- und Personalräte sind aufgerufen, ihre Betreuung auch auf Praktikanten auszudehnen und sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte zu unterstützen. 5. Es soll eine „Stiftung Praktikum“ eingerichtet werden, die vorbildliche Praktikumsanbieter mit einem Gütesiegel „Faires Praktikum“ ausgezeichnet. Das Gütesiegel orientiert sich an einem verbindlichen Praktikumsbericht. Wer arbeitsrechtliche Regelungen missachtet, soll ebenfalls öffentlich benannt werden. 6. Die Bundesagentur für Arbeit ist aufgefordert, Absolventen einer Ausbildung oder Hochschulabsolventen nur in Praktika mit definierten Mindeststandards zu vermitteln (...). Insbesondere die Hochschulteams der Bundesagentur sind angehalten, Hochschulabsolventen bei der Vermittlung in Praktika verstärkt über ihre Rechte zu informieren. 7. Obgleich Praktikanten bereits heute im Arbeitsrecht und im Berufsbildungsgesetz (§ 26 i.V.m. §10 BBiG) definierte Rechte haben, ist der rechtliche Anpassungsbedarf zu prüfen, um Grauzonen oder Regelungslücken zu schließen. 8. Die Hochschulen sind aufgerufen, mit eigenen Mitteln und Möglichkeiten den Missständen entgegenzutreten. (...) 9. Die Datenbasis zur Situation von Hochschulabsolventen an der Schwelle zum Beruf muss ausgebaut werden und kontinuierlich Thema der empirischen Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung werden. " (s. S. 61, Broschüre "Generation Praktikum") Die taz "antwortet" mit einem 5-Punkte-Plan (Achtung, Satire!), wie Unternehmen auf die Praktikantenproteste reagieren sollten, um möglichst schnell wieder an "Frischfleiß" für lau kommen zu können: "1. Gastpraktikanten - Fremdländische Praktikanten aus aller Herren Länder müssen her! (...) 2. Wanderpraktikanten - (...) Praktikanten ins Ausland verlegen, am besten nach Übersee, je entfernter, desto begehrter. Anreise selbstverständlich auf eigene Kosten. (...) 3. Seniorpraktikanten - Rentner, Pensionäre und Veteranen:(...) Praktika statt Ehrenamt. (...) 4. Zwangspraktikanten - (...) Ein Praktikum als Bürgerpflicht. (...) Aber erst nach der Ausbildung. (...) 5. Chefpraktikanten - Sollten die bisherigen Praktikanten absolut unentbehrlich sein, mit allen Mitteln versuchen, sie bei der Stange halten. Auch mal loben. Auch mal Danke sagen. (...) " Satire ist ab und zu gut und schön, aber bleiben wir bei ernst gemeinten Vorschlägen und Thesenpapieren, wie das der SPD. Auch der Deutsche Journalistenverband hat die Praktikumsmühle und die teilweise extremen Situationen in manchen Medienhäusern entdeckt und diese zum Anlass genommen, eine Checkliste für Praktikanten herauszubringen.
Frau Bundeskanzlerin, es gibt uns wirklich!Vertreter der Generation Praktikum haben Angela Merkel ins Gebet genommen. Am Deutschlandtag der "Jungen Union". Dort sprachen sie Studenten auf die Probleme der Generation Praktikum an. Leider kam dabei offenbar nicht viel raus. Lediglich, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel feststellen musste, dass die Erwartung an die Politik im Zusammenhang mit der Praktikumsmühle hoch ist - allerdings auch die Befürchtungen, dass die Sorgen nicht richtig ernst genommen werden. Schade, dass man von der Bundeskanzlerin kein Statement dazu bekommt. Aber die CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag äußerte sich in der Vergangenheit wenn überhaupt, dann beschwichtigend. Der Tenor: Alles nicht so schlimm. Hochgespielt, hauptsächlich durch die Medien. Schade. Die Grünen sowie die SPD und auch die PDS haben die Problematik bereits erkannt. Die CDU/CSU offensichtlich noch nicht. Genauso wenig die FDP. Entweder will das Problem nicht erkannt werden, oder es wollen keine Aussagen dazu gemacht werden, bis empirische Daten zur Generation Praktikum vorliegt. Die SPD tut schon vorher etwas - Müntefering kündigte an, dass er sich der Problematik widmen wird. Diese Ankündigung, sowie von der SPD initiierte Treffen zeigen, dass sie das Problem erkannt haben. Das hat die CDU/CSU offensichtlich noch nicht. Schade.
Arbeitgeber gegen Müntes VorstoßMünte will die Generation Praktikum beerdigen. Die Arbeitgeber schreien auf. "Der Arbeitsmarkt ist bereits überreguliert. Vorschriften wie zeitliche Befristungen würden nur dazu führen, dass Unternehmen keine Praktika mehr anbieten", sagte Christoph Anz, Bildungsexperte bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), der "Financial Times Deutschland". Der Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Heribert Jöris, ist gegen eine zeitliche Begrenzung von Praktika: "Missstände lassen sich über Zeitschienen nicht bekämpfen", so Jöris. Beide reagierten damit auf einen Vorstoß von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, der gesetzliche Reglungen gegen die Ausbeutung von Praktikanten erwägt.Gegenüber Spiegel Online sagt Anz weiter, es sei "sachlich falsch", dass die Zahl der Praktika zugenommen habe. Die Unternehmen könnten es sich gar nicht erlauben, Praktikanten schlecht zu behandeln. "Das spricht sich schnell herum und führt dazu, dass gute Hochschulabsolventen diese Unternehmen meiden", so Anz weiter gegenüber Spiegel Online. Man solle nicht von Missbräuchen in der Medienbranche auf alle Branchen schließen. Doch wer sich die Bewertung von Praktika in der Datenbank von der DGB-Initiative "Students at work" ansieht, findet dort durchaus auch Firmen außerhalb der Medienbranche. Was natürlich nicht heißen soll, dass dort nur negative Erfahrungen vorzufinden sind. Ganz im Gegenteil: Gute und schlechte Praktikumsbewertungen halten sich in etwa die Waage (an den Ergebnissen der HIS-Studie, die wir vor kurzem dargestellt haben, scheint also etwas dran zu sein). Trotzdem ist das Problem der Generation Praktikum nicht zu leugnen. Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion dazu: "Dass die Verbände das Problem der sogenannten "Generation P" leugnen, zeigt einmal mehr die Ignoranz der Wirtschaft gegenüber Missständen, solange sie ihren einseitigen Vorteil daraus ziehen kann. Auch wenn natürlich längst nicht alle Branchen in gleicher Weise betroffen sind, sollte die Wirtschaft insgesamt ihre Blockadehaltung aufgeben und gemeinsam mit den Gewerkschaften und der Politik an der Verbesserung der Perspektiven von jungen Berufsstartern mitarbeiten. Es ist die Bringschuld der Wirtschaft, diesen jungen Menschen eine klare Perspektive zu bieten. Daher ist die Ignoranz gegenüber der Generation P völlig unverständlich. Richtiger wäre es, wenn die Wirtschaftsverbände aktiv dazu beitrügen, die "schwarzen Schafe" in den eigenen Reihen stärker in die Pflicht zu nehmen und zu einem fairen Umgang mit jungen Berufseinsteigern anzuhalten. Viele Unternehmen sind da bereits weiter und gehen mit Selbstverpflichtungen zum fairen Umgang mit Praktikantinnen und Praktikanten voran." Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn ich in Sachen Maßnahmen zur Bekämpfung der Generation Praktikum nicht 100%ig einer Meinung mit Jörg Tauss bin.
Von seriösen und unseriösen Firmen, Bildungspolitik und PraktikantenIm Interview mit dem "info-radio RBB" fordert Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion einen Mindestlohn und eine (gesetzliche) zeitliche Begrenzung von Praktika.Aber das ist noch lange nicht alles. Das Problem der Generation Praktikum ist bei Tauss angekommen: "Die andere Seite ist, dass wir auch die Wirtschaft ins Boot bekommen wollen. (...) Ich denke, hier sollten die seriösen Firmen, die anständige Praktika anbieten, sich auch endlich von denen, die die Situation ausnutzen, klar distanzieren (...). In meinem Büro ist es übrigens selbstverständlich, dass jemand, der ein Praktikum absolviert (...), auch etwas bekommt", sagt er weiter im Interview. Wir fassen zusammen: Gesetzlicher Mindestlohn und zeitliche Begrenzung der Praktika per Gesetz ist das eine. Dann muss noch die Wirtschaft mit ins Boot. Nicht, dass die zum Schluss noch sagt: "Dann sind mir Praktikanten aber zu teuer". Deswegen unterscheiden wir zwischen seriösen Firmen, die faire Praktika anbieten und unseriösen, die ihre Praktikanten ausnutzen - und sie dafür nicht entlohnen. Das Wenden wir auf die Praxis an: Dann ist die Deutsche Presseagentur (dpa) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) unseriös - oder Herr Tauss? Die zahlen ihren Praktikanten nämlich keinen Cent. Klar, die stellen auch nur solche Praktikant Ob Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden und dass im Mittelpunkt des Praktikums steht, ob ein Praktikumsbetreuer existiert oder nicht, ob der Praktikant oder die Praktikantin mehrere Stationen im Unternehmen kennen lernt oder nicht, ob (nicht scheinbare, sondern wirklich vorhandene und ernsthafte) Übernahmechancen bestehen oder nicht, oder, oder, oder: Das alles zählt nicht. Nur ob der Praktikant/die Praktikantin bezahlt wird oder nicht. Das zählt. Oder, Herr Tauss? Jawohl. Alles andere ist pure Ausbeutung. Dass es die Problematik der Generation Praktikum gibt, dass sich die Chancen (nicht nur von Akademikern) auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben und es eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gibt und damit wiederum Probleme verbunden sind wie Unsicherheit, Planungsunfähigkeit, Sinkflug der Geburtenrate etc. pp. ist unbestritten. Dass dieses Problem der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden muss: Kein Zweifel. Aber (selbst) ein (unbezahltes) Praktikum ist nicht in dieser generellen Form zu verurteilen, wie Sie das tun. Gut, es mag unfair -vielleicht sogar in manchen Fällen auch unseriös- sein, Praktikanten nicht (wenigstens leistungsgerecht) zu bezahlen. Ja. Es ist auch nicht in Ordnung, strikt immer das zu tun, was der Markt hergibt, weil Eigentum - nicht nur in Deutschland, aber besonders hier, weil grundgesetzlich verankert- verpflichtet. Aber wenn kritisieren, dann bitte auch beide Seiten im Blick haben: Die Firmen, die Praktikanten ausbeuten und die Praktikanten, die sich ausbeuten lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen eine solche Ausbeutung zu wehren. Eine davon haben sie genannt: "Es gibt sogar klare Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, wo Praktikanten hinterher geklagt haben und tatsächlich dort[,] wo sie in einem festen Beschäftigungsverhältnis Tätigkeiten verrichtet haben - ohne Bezahlung - auch einen nachträglichen Anspruch erworben haben". Was in Frankreich ob derselben Problematik passiert ist, wissen wir alle: Stichpunkt "Generation Precaire" und Praktikantenproteste. Davon Nachtrag (25.08.06): Jörg Tauss hat reagiert und ein Statement zu diesem Beitrag abgegeben (zu lesen im Kommentarbereich dieses Beitrages).
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