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Schutzheiliger für Generation P: "Es schütze uns San Precario"

"Heute und in Ewigkeit, Mayday" so endet das Gebet an "Sankt Precarius", das vermehrt auch Einzug hält in deutschsprachige Länder - zuletzt in Österreich. Am letzten Tag im Februar, dem Praktikanten-Aktionstag, wurde dort der "Santa Precaria" gedacht - einer weiblichen Form des Schutzheiligen. Ihren Ursprung hat die Verehrung des "San Precario" in Mailand genommen.

San PrecarioNicht nur in Österreich findet man Anbeter des Schutzheiligen auch in der Schweiz, Frankreich und nicht zuletzt auch in Deutschland - wenn auch der Schutzheilige hierzulande noch nicht so bekannt zu sein scheint - schreibt jedenfalls die Tagesezeitung taz.

Die Kollegen des Österreichischen Internet-TV-Senders "augustinTV" haben in einem knapp siebenminütigen Videobeitrag beleuchtet, was Prekarisierung, Prekariat und prekär eigentlich meinen - alles sind Begrifflichkeiten, auf die sich der Name "Santa Precario" zurückführen lässt. Deswegen hier ein Video-Zitat:


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Generation Praktikum = "Die Anti-Angestellten"?

Spiegel-Online berichtete kürzlich über die Anti-Angestellten: Sie verzichten dankend auf einen Arbeitsvertrag und verwirklichen den alten Traum vom selbstbestimmten Leben. Mittels neuer Technologien kreieren sie ihre eigenen Projekte, Labels und Betätigungsfelder. Das Internet ist für sie nicht nur Werkzeug und Spielwiese, sondern Einkommens- und Lebensader. Genannt werden sie von ihren "Erfindern" Holm Friebe und Sascha Lobo: "die digitale Boheme"; bei Spiegel-Online heißen sie "die Anti-Angestellten" und stellen ein Synonym für (einen Teil der?) Generation Praktikum dar.

Auf Angestellten-Frust kann man mit der "Entdeckung der Faulheit" reagieren, wie es Corinne Maier in ihrem Bestseller fordert: Arbeitszeit absitzen, sicheres Gehalt einstreichen. Wenn man gar nicht in den Genuss des Angestellten-Seins kommt, soll man diese Chance nutzen - das finden zumindest Friebe und Lobo und schreiben in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit":

"Immer mehr junge Kreative entscheiden sich für das Leben in Freiheit. Ihr Hauptziel ist nicht das Geldverdienen, sondern ein selbstbestimmter Arbeitsstil, der den eigenen Motiven folgt – in unsicheren Zeiten vielleicht die überlegene Strategie. Denn ihre enge Einbindung in soziale, künstlerische und digitale Netzwerke bringt ständig neue, teilweise überraschende Erwerbsmöglichkeiten mit sich. Sie schalten Werbebanner auf ihren Websites, handeln mit virtuellen Immobilien, lassen sich Projekte sponsern oder verkaufen eine Idee an einen Konzern. Ihre Produkte und ihre Arbeitsweise verändern den Charakter der Medien und des Internets, bald auch den der Gesellschaft."

Holm Friebe und Sascha Lobo porträtieren "die digitale Boheme": Sie stellen erfolgreiche Konzepte und innovative Ansätze vor und erklären wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklungen und Hintergründe. Ihre spannende Analyse einer zukunftsgewandten Daseinsform inspiriert dazu, so zu arbeiten, wie man leben will.

Rezensionsfazit der FTD:
"Eine Idee wie ein Antidepressivum: Was wäre, wenn (...) aus prekären Praktikanten profitable Entrepreneure würden? Schön wäre das. Schon weil es nervt, das Heulen und Zähneklappern der "Generation Praktikum". (Aber:) Der Nachweis der überlebensfähigen Existenz einer neuen Boheme außerhalb der Berliner W-Lan-Cafés bleibt aus."


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Arbeitgeber gegen Müntes Vorstoß

Münte will die Generation Praktikum beerdigen. Die Arbeitgeber schreien auf. "Der Arbeitsmarkt ist bereits überreguliert. Vorschriften wie zeitliche Befristungen würden nur dazu führen, dass Unternehmen keine Praktika mehr anbieten", sagte Christoph Anz, Bildungsexperte bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), der "Financial Times Deutschland". Der Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Heribert Jöris, ist gegen eine zeitliche Begrenzung von Praktika: "Missstände lassen sich über Zeitschienen nicht bekämpfen", so Jöris. Beide reagierten damit auf einen Vorstoß von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, der gesetzliche Reglungen gegen die Ausbeutung von Praktikanten erwägt.

Gegenüber Spiegel Online sagt Anz weiter, es sei "sachlich falsch", dass die Zahl der Praktika zugenommen habe. Die Unternehmen könnten es sich gar nicht erlauben, Praktikanten schlecht zu behandeln. "Das spricht sich schnell herum und führt dazu, dass gute Hochschulabsolventen diese Unternehmen meiden", so Anz weiter gegenüber Spiegel Online. Man solle nicht von Missbräuchen in der Medienbranche auf alle Branchen schließen.

Doch wer sich die Bewertung von Praktika in der Datenbank von der DGB-Initiative "Students at work" ansieht, findet dort durchaus auch Firmen außerhalb der Medienbranche. Was natürlich nicht heißen soll, dass dort nur negative Erfahrungen vorzufinden sind. Ganz im Gegenteil: Gute und schlechte Praktikumsbewertungen halten sich in etwa die Waage (an den Ergebnissen der HIS-Studie, die wir vor kurzem dargestellt haben, scheint also etwas dran zu sein). Trotzdem ist das Problem der Generation Praktikum nicht zu leugnen.

Jörg Tauss, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion dazu: "Dass die Verbände das Problem der sogenannten "Generation P" leugnen, zeigt einmal mehr die Ignoranz der Wirtschaft gegenüber Missständen, solange sie ihren einseitigen Vorteil daraus ziehen kann. Auch wenn natürlich längst nicht alle Branchen in gleicher Weise betroffen sind, sollte die Wirtschaft insgesamt ihre Blockadehaltung aufgeben und gemeinsam mit den Gewerkschaften und der Politik an der Verbesserung der Perspektiven von jungen Berufsstartern mitarbeiten. Es ist die Bringschuld der Wirtschaft, diesen jungen Menschen eine klare Perspektive zu bieten. Daher ist die Ignoranz gegenüber der Generation P völlig unverständlich. Richtiger wäre es, wenn die Wirtschaftsverbände aktiv dazu beitrügen, die "schwarzen Schafe" in den eigenen Reihen stärker in die Pflicht zu nehmen und zu einem fairen Umgang mit jungen Berufseinsteigern anzuhalten. Viele Unternehmen sind da bereits weiter und gehen mit Selbstverpflichtungen zum fairen Umgang mit Praktikantinnen und Praktikanten voran."

Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn ich in Sachen Maßnahmen zur Bekämpfung der Generation Praktikum nicht 100%ig einer Meinung mit Jörg Tauss bin.


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San Precario im Spiegel des Sommerlochs

"San Precario" sei der Schutzheilige der Generation Praktikum, ein Märtyrer der Gegenwart, "der unterbezahlte Arbeiten verrichtet, oft schwarz beschäftigt ist und einer unsicheren Zukunft entgegen sieht". Made in Italy. So liest man das im Magazin "Der Spiegel" Nr.31 vom 31.07.2006. Die Generation Praktikum steht im Mittelpunkt dieser Ausgabe. Inhalt der etwas einseitigen Titelgeschichte: Die üblichen Fallbeispiele: Hochschulabsolventen, Einser-Diplom, 25 Jahre alt, unbezahlte Dauerpraktikanten. Die üblichen Zahlen:
  • Waren 1999 nur 4330 arbeitssuchende Praktikanten mit Hochschulabschluss bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet, sind es 2004 schon 8693
  • Jede zweite Einstellung erfolgt mittlerweile befristet, Anfang der Neunziger war es nur jede fünfte
  • Zeitarbeitsmarkt boomt

Tenor des Artikels: "Die Armen, keiner will ihnen einen festen Job geben. Die Welt ist böse und wir können nichts dagegen tun". Da müsse man sich ja nicht wundern, dass die Geburtenrate sinkt. Die Flexibilität als positiven Wert hätte die heutige Jugend bereits verinnerlicht: "Jeder zehnte der 25- bis 35-jährigen Deutschen" habe heute bereits eine kinderlose "long-distance-relationship" (S.49). Gleichzeitig sollen sie die Renten sichern, sich um Altersvorsorge kümmern, Studienkredite abtragen, konsumieren und eine Familie gründen. Klar ein Paradoxon.

Aber neben dem, was durchaus kritisiert werden darf (die Ausbeutermentalität einiger Unternehmen, negative Folgen der Globalisierung) wird zu viel auf die Tränendrüse gedrückt und einseitig berichtet:

Dass den Deutschen eine gesunde Protestkultur fehlt, wird zum Beispiel in dem Artikel nur -wenn überhaupt- angeschnitten. So sieht "Der Spiegel" in der Titelgeschichte am ersten Mai 2006 europaweit in 20 Städten Hunderttausende auf die Straße ziehen. Dass es in Deutschland (eine Woche zuvor) nur etwa 60 Menschen waren, die am Brandenburger Tor in Berlin protestiert haben, weiß nur der Uni-Spiegel, neben "Der Spiegel" ein weiteres Medium der Spiegel-Verlagsgruppe...

In Frankreich ging es da heißer her: Vertreter der Generation Precaire verschanzten sich z.B. in der traditionsreichen Eltie-Uni Sorbonne und streikten. Aber gut, man kann Deutschland nicht mit Frankreich vergleichen: "In Frankreich sind Proteste Bestandteil des nationalen Selbstbewusstseins. Aber auch hierzulande kann ein Protestfunke zünden. Wenn die schwierige Integration in die Arbeitswelt für eine Generation als Kollektivproblem sichtbar wird, kann das sofort zum politischen Thema werden" sagt der Münchener Soziologe Ulrich Beck im Interview auf Seite 51 des "Spiegel".

Dass die Generation Praktikum in Deutschland noch nicht zum Kollektivproblem geworden wäre, ist mir neu. Hört die breite Öffentlichkeit doch sehr viel zu dem Thema in den Medien - nicht zuletzt auch wegen der intensiven Öffentlichkeitsarbeit vom Verein Fairwork. Auch die Politik sollte von der Prekarität Wind bekommen haben: Gab es doch schon eine Bundestagspetition, aktuelle Stunden im Bundestag, Fraktionsgespräche und ähnliches.

Trotzdem ist die Politik ruhig und die Betroffenen auch - ganz nach dem Titel des Buches, das die französische Generation Precaire kürzlich herausgegeben hat: "Sois Stage Et Tais-Tois". Was so viel heißt wie: "Praktikant sein und Klappe halten".

Dass das nicht die Lösung sein kann, sollte klar sein. So schreibt beispielsweise Rechtsanwalt Andreas Möhring in einem Leserbrief an den Spiegel: "Um (...) der Ausbeutung Herr zu werden, sollten die Betroffenen en masse (...) nach Beendigung des Praktikums unter Bezugnahme auf die Sittenwidrigkeit des Vertrags den Lohn [einklagen], der ihnen nach §612 BGB zugestanden hat und von Arbeitsgerichten zuzusprechen ist". ("Der Spiegel", Nr. 32 vom 07.08.06, S. 12). Recht hat der Mann - einige haben sich das auch schon getraut...beiweitem aber noch nicht viele.

Spiegel-Leserin Sonja Grunwald aus Lübeck schreibt: "(...) Vergleiche mit Frankreich sind (...) müßig. Es geht aber nicht anders, wir kommen besser mal aus dem Quark! Obwohl Neinsager natürlich schrecklich unpopulär sind" ("Der Spiegel", Nr. 32 vom 07.08.06, S.12).

In diesem Sinne: San Precario, stehe uns bei - nicht nur im Spiegel des Sommerlochs. Denn wenn wir nicht langsam mal "aus dem Quark" kommen, brauchen wir, oder vielmehr die Mitglieder der Generation Praktikum, wirklich einen Heiligen...


Nachtrag (17.08.06):
Die Deutsche Welle appelliert an die Generation Praktikum: Traut euch! Und ruft den Arbeitgebern zu: Investiert in die Ausbildung junger Leute, ihr seid später darauf angewiesen! http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2137785,00.html


Nachtrag (11.08.06):
Die taz schreibt das etwas krasser: http://www.taz.de/pt/2006/08/11/a0267.1/text


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Generation Praktikum - eine Persiflage

Motiviert durch die Titelgeschichte "Generation Praktikum" im SPIEGEL Nr. 31/31.07.06

Mein Name ist Giovanni Sanchez. Ich habe mit 18 Jahren, da ich ein Jahr vorziehen durfte, trotz Aufenthalts in den USA und in Frankreich, mein Abitur gemacht. Da mein Vater Unternehmer aus Madrid und meine Mutter Tochter eines Großindustriellen aus Turin ist, spreche ich infolge meines in Deutschland absolvierten zweiten Staatsexamens fünf Sprachen fließend. Während meines Doppelstudiums als Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler an einer teuren Privathochschule in Berlin, beide mit „sehr gut“ abgeschlossen, eignete ich mir nebenher sprachliche Kenntnisse in Japanisch und Chinesisch an, da ich ein begeisterter Ostasien-Fan bin und mir gleich zweimal die Möglichkeit geboten war, Auslandssemester einmal in Tokio und einmal in Shanghai zu verbringen. In Berlin half ich während der WM 2006 als Volontär in der Fanmeile aus und koordinierte Touristen in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Berlinizer. Außerdem bin ich, seit ich mit 18 Jahren nach Berlin kam, freiwillig beim Roten Kreuz tätig. Um meine Freizeit so produktiv wie möglich zu gestalten und sie auch optimal auszufüllen, engagierte ich mich nebenher stets in regelmäßigen Abständen als studentische Hilfskraft in den in Berlin ansässigen Tochterunternehmen meines Großvaters mütterlicherseits sowie in jener Zweigstelle der väterlichen Unternehmung. Mitteleuropa jedoch war nach meinem BWL-Master und den beiden Staatsexamen in Jura nicht mehr erfüllend. So kam mir das Stipendium aus Harvard ganz recht, welches ich innerhalb von einem Jahr nutzte, um meinen Master of Law zu erwerben. Der Zank zwischen meinen Eltern hatte jedoch die Familie geteilt, so auch mich, also lehnte ich es ab, in einer der Unternehmen Vaters oder Opas nun tätig zu werden. Ich ging zurück nach Berlin, um dort als Wirtschaftswissenschaftler zu promovieren. Nachdem auch dies glückte, aber mir klar wurde, dass sich der Verfall meiner Familie nicht aufhalten ließ, ging ich nach Ostasien. Es wurden mir trotz meiner Qualifikationen Jobeinstiege in den outgesourcten Abteilungen westlicher Giganten verwehrt, es fehlte oftmals an praktischer Erfahrung. So verbrachte ich zwei Jahre ein sehr schnödes, langweiliges Leben als Praktikant, ziehend von chinesischer Großstadt zu chinesischer Großstadt. Meinen Charakter verdarb es nicht, im Gegenteil, mir machte der Kampf ums Überleben nicht viel aus, denn ich lebte ja eben noch. Mein Chinesisch war nun sehr gut, als ich mich mit Ende zwanzig dazu entschloss, meine Erfahrungen dem Westen zu zeigen. Ich ging in die Stadt, in der ich studierte. Berlin. Es folgten Praktika. Einige entgeltlich, einige unentgeltlich. Eines nur etwa sechs Monate, ein anderes fast ein Jahr, ein drittes wieder nur ein halbes. Oftmals fehlten die Arbeitsplätze – so wurde mir berichtet – oder ich sei zu überqualifiziert, oder aber, mir fehle die Kompetenz, Theorie in praxi anzuwenden – Unterqualifikation! Ich fühlte mich mit Anfang Dreißig so langsam ad absurdum geführt. Ich versuchte mich an Lehrstühlen zu bewerben – international! – doch es half nichts. Jetzt arbeitete ich als Kellner in New York. Die Absteige, in der ich wohnte, war nicht ganz dem Haus meines Vaters in Madrid gleich, schon gar nicht dem Haus meines Großvaters in Turin. Aber man lebte ja noch. Nur irgendwie dämmerte es mir langsam, ich hatte alles erreicht, aber irgendwie… hatte ich gar nichts erreicht. Ein guter Freund aus meiner Studienzeit hatte mich neulich überraschend in meiner Kneipe getroffen, in der ich Teller schubste. Er meinte, er hätte etwas ganz anderes damals gemacht. Nach Praktika, die er nicht mehr zählen wollte, entschloss er sich im Malerbetrieb seines Vaters einzusteigen und dort die Kostenrechnung und Buchführung zu machen. Er lernte eine Frau kennen, sie heirateten, machten Kinder. Er sei gerade mit einem anderen Freund hier in New York. Sein Lebenstraum! Aber er sei glücklich. Dann winkte er lächelnd und ging. Ich schaute ihm nach. Zum Feierabend ging ich nach Haus und öffnete den Briefkasten. Ich machte den ersten Brief auf, eine Absage… Der zweite Brief enthielt ein Angebot als freiwilliger Praktikant in einer Anwaltstretmühle in Manhattan. Ich denke, ich werde es annehmen…


Diese Persiflage schrieb unser Autor Rico Kullik.


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